Aktuelles

Vorankündigung: Goethe und der Koran

Texte von Johann Wolfgang von Goethe
Kommentar von Karl-Josef Kuschel
Kalligrafien von Shahid Alam
Erscheint im Patmos Verlag,
Verlagsgruppe Patmos der Schwabenverlag AG Ostfildern
ISBN 978-3-8436-1246-3
Geplanter Erscheinungstermin: Februar 2021

Autor und Künstler stehen für Veranstaltungen zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich an:
birgit.berg-becker@verlagsgruppe-patmos.de

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Shahid Alam
Kalligraf

Shahid Alam ist 1952 in Lahore/ Pakistan geboren und lebt seit 1973 in seiner Wahlheimat Deutschland. Er studierte Pädagogik, Kunst, Politikwissenschaften und Europawissenschaften in Dortmund und Aachen, wobei die Kunst der arabischen Kalligrafie ihn stets begleitete und in seinem künstlerischen Schaffen einen zentralen Platz eingenommen hat.

Als Künstler gelingt es ihm, eine Brücke zwischen Orient und Okzident zu
schlagen. Er ist maßgeblich beteiligt an einer interkulturellen und interreligiösen Verständigung, die von der Ästhetik der arabischen Schrift getragen wird. Seine Arbeiten sind Visualisierungen von Dichtungen großer
Literaten und Mystiker wie Goethe, Schiller, Rumi, Ibn Arabi und anderen., die er gekonnt als Übersetzung, aber auch in der Originalschrift in seine Werke einfließen lässt.

Karl-Josef Kuschel
Autor

Dr. Karl-Josef Kuschel, Professor i. R. der Fakultät für Katholische Theologie der Universität Tübingen, lehrte dort von 1995 bis 2013 Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs. Seit 2012 ist er Kuratoriumsmitglied der »Stiftung Weltethos«. 2015 wurde er in den Stiftungsrat des Börsenvereins zur Vergabe des jährlichen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels berufen. Er ist Präsident der Internationalen Hermann-Hesse Gesellschaft. Zahlreiche Veröffentlichungen zum interreligiösen Dialog und zu Religion und Literatur.

Website: www.karl-josef.kuschel.de
E-Mail: karljosef.kuschel@uni-tuebingen.de
Karl Josef Kuschel Goethe und der Koran

Der Dichter betrachtet sich als einen Reisenden. Schon ist er im Orient angelangt.

Er freut sich an Sitten, Gebräuchen, an Gegenständen, religiösen Gesinnungen und Meinungen, ja er lehnt den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sey. J. W. GOETHE, ANKÜNDIGUNG DES »DIVAN«, 24.

FEBRUAR 1816

Goethe und der Koran? Das ist unter GoetheVerehrern, die den Dichter gern auf ein deutschnationales Podest stellen, kaum ernst genommen worden. Von Spezialisten abgesehen. Lange Zeit vernachlässigt oder gar ignoriert, ist das Thema »Goethe, Orient, Islam« in der Zwischenzeit von der Goethe-Forschung breit aufgearbeitet worden. Die Literaturwissenschaft hat mit Monographien, Kommentaren und zahlreichen Einzelstudien das Ihre getan, um die Dimension Orient/ Islam im Werk des größten deutschsprachigen Dichters transparent zu machen.

Zu nennen sind hier insbesondere die Arbeiten und Veröffentlichungen von Katharina Mommsen, Karl Richter, Peter Ludwig, Michael Knaupp, Hendrik Birus, Anke Bosse und Anne Bohnenkamp. Eine breitere Rezeption und Auswertung aber dieser Forschungen in Theologie und
Religionswissenschaft im Interesse eines heute dringender denn je nötigen interkulturellen und interreligiösen Dialogs zwischen Orient und Europa oder zwischen Christentum und Islam hat so gut wie nicht stattgefunden.

Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen. J. W. GOETHE, MAXIMEN UND REFLEXIONEN Unter allen Dichtern deutscher Sprache hatte Goethe das leidenschaftlichste und zugleich kenntnisreichste Interesse für die Welt des Orients und zwar nicht nur für deren Geschichte, Kultur und Literatur, sondern auch für deren Religion, den Islam, der diese Welt geprägt hat. Wie keiner der großen Dichter deutscher Sprache hat er den Koran gekannt und kommentiert, hat er sich, über einschlägige Fachliteratur gut informiert, mit Weg, Werk und Wirkung des Propheten befasst. Goethe hatte sich schon vor 200 Jahren reiche Kenntnisse von Orient und Islam erarbeitet, die Ungezählte heute bei uns noch vor sich haben, die »Islam« auf einige politische Stereotypen zu reduzieren pflegen und ein Studium der komplexen, in eineinhalb Jahrtausenden gewachsenen islamischen Kultur nicht nötig zu haben glauben. Das Eindringen Goethes in die orientalisch-arabische Welt und die Orientforschung war selbst von Goethe-Verehrern so gut wie ignoriert worden und musste erst in unseren Tagen wieder freigelegt werden.

Das also wird in diesem Buch geschehen: Die Texte

Durch eine kompakte Dokumentation aller relevanten Texte Goethes zum Thema Islam/Koran, ob in einem Dramenentwurf, in Gedichten, autobiographischen Zeugnissen oder Selbstanzeigen, wird den Lesern/Innen eine direkte Urteilsbildung ermöglicht. Die Spurensuche beginnt im Frühwerk und zieht sich bis ins Spätwerk.

Der Kommentar

Durch eine fachlich fundierte Kommentierung sollen die Leser/Innen in Stand gesetzt werden, die Goethe-Texte aus ihrem Zeitkontext heraus zu verstehen und mit unserem kulturellen Niveau kritisch zu vergleichen.

Die Kalligrafien

Diese Arbeiten stammen aus der Werkstatt eines der bedeutendsten Kalligrafen unserer Zeit, Shahid Alam, eines aus Pakistan stammenden Künstlers, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt und in der Nähe von Aachen sein Atelier betreibt. Die Zusammenarbeit mit einem Kalligrafen bietet sich umso mehr an, als Goethe selber sich für die arabische Kalligrafie hatte begeistern können. Zeugnisse von arabischen
Sprach- und Schreibstudien sind im GoetheNachlass reichlich vorhanden.

Die arabische Schrift zu üben, das Schreiben als körperlich sinnlichen Akt zu erleben, ist ihm wichtig, eben »um sich einen Begriff von der orientalischen Poesie und Literatur zu machen.« Dafür setzt sich Goethe mit 65 Jahren bei Spezialisten der Orientalistik noch einmal auf die Schulbank.

Inhalt

Prolog: Goethe, der Islam, die Kalligrafie und wir

Erster Teil:

Johann Wolfgang von Goethe
Texte
I. Auszüge aus dem Koran (1772/73)
Sura II * Sura III * Sura IV * V. Sura. Der Tisch * VI. Sura. Das
Vieh * X. Sura Jonas * XIII. Sura. Der Donner * XVII. Sura. Die
Nachtreise * XX. Sura. Tah * XXIX. Sura. Die Spinne
II. Die »Mahomet«-Tragödie
Die Entwürfe zu einem Stück über den Propheten (1772/73) *
Goethes Erläuterungen zu »Mahomet« in »Dichtung und
Wahrheit« (1814)
III. Gedichte aus dem »West-östlichen Divan«
(1819) mit Islam- und Koran-Bezug
IV. Aus dem Prosateil »Besserem Verständniß«
des »West-östlichen Divan«
V. Ankündigungen und Selbstzeugnisse
Zweiter Teil:
Goethe und der Islam
Kommentar von Karl-Josef Kuschel
I. Koran-Studien des jungen Goethe
II. Eine Tragödie über Mohammed, den Propheten
III. Der Koran im »West-östlichen Divan«
IV. Goethes »Islam«
Epilog:
Herausforderungen heute
Zeittafel: Die wichtigsten Daten zu Goethe und
Islam
Literatur

Zu den Kalligrafien

Kalligrafie-Beispiel 1
Tinte und Tusche auf Kaharipapier, 50 cm × 60 cm
Das Leben ist die Liebe und des Lebens Leben Geist.
Goethe
Ins Arabische übertragen von Adnan Abbas.

Kalligrafie-Beispiel 2
Öl, Tinte und Tusche auf Birkenholz 90 cm × 170 cm
zu Sure 31, 27
Und wären alle Bäume auf Erden Schreiberohre,
Das Meer dazu die Tint’, und dazu die sieben Meere,
Es würden nie erschöpft die Worte Gottes,
Denn Gott ist machtvoll weise.
(nach der Übersetzung von Friedrich Rückert)
Kalligrafie-Beispiel 3
Hergestellt in mundgeblasenem Glas
310 cm × 200 cm (100 Scheiben à 20 × 20 cm)
Usmaa-ul-husna – die 99 schönen Namen Gottes
Dazu Goethe:
»Er der einzige Gerechte
Will für jedermann das Rechte.
Sey, von seinen hundert Namen,
Dieser hochgelobet! Amen.«
Shahid Alam Zu den Kalligrafien
In keiner Sprache (vielleicht) ist Wort, Geist und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert wie in der
arabischen Sprache.
J. W. GOETHE

Zu dieser Erkenntnis gelangt Goethe durch seine Schreibübungen der arabischen Schrift. Denn in keiner Schrift ist die Kunst der Verbindung der Buchstaben so deutlich zu sehen, wie in der arabischen Schrift. Das Wort entsteht erst durch das Zusammenspiel der Buchstaben, die sich auf eine besondere Weise miteinander verbinden. Die Buchstaben opfern ihre ursprüngliche Form, um sich miteinander zu verbinden; sie suchen eine Brücke zueinander, und das durch das Zusammenspiel entstandene Wort
öffnet sich immer zum Licht. Es ist ein Ausdruck der Harmonie, die nur dadurch möglich wird, dass die Buchstaben sich fügen, um ein einheitliches Ganzes entstehen zu lassen. Das handgeschriebene Wort, das durch die bewusste Führung der Linien entsteht, ist ein Ausdruck des Lebendigen.
Es ist eigentlich der sichtbar gewordene Gedanke.

Die vom Meisterkalligrafen Hassan

Massoudi (Paris) gelernten Atemübungen haben mir den Weg zur inneren
Ruhe beim Schreiben bereitet: Bei meinen Schreibübungen erkenne ich, dass die Führung der Feder mit dem Atemrhythmus eng verbunden ist. Die Ruhe oder Unruhe beim Atmen drückt sich in der Federführung aus. Beim Setzen meiner Feder auf Papier oder Holz erkenne ich weiter, dass die arabischen Buchstaben aus vertikalen und horizontalen Bewegungen entstehen und jede dieser Bewegung mit einem Punkt beginnt, der sich in vertikalen und horizontalen Linien entfaltet. So wird der beseelte Punkt zum Urheber beider Bewegungen, die sich dann durch die bewusst geführte Feder zu Buchstaben entwickeln. Mein Bedürfnis, dem neu geborenen Wort durch Farben ein Kleid zu geben und es dann in eine würdige Umgebung zu setzen, gibt meiner Arbeit Richtung: Das Wort erscheint mir als lebendiges Wesen.